Gmunden, 19.10 bis 22.10.2017

Samstag, 21. Oktober 2017

10:00 Uhr

Film (GB 1985, 142 Min) : Brazil
Regie: Terry Gilliam

Mit Robert De Niro, Jonathan Pryce u.a.

Knut Boeser / KUV 2016

Mit Brazil begann Terry Giliam, Mitbegründer der legendären britischen Komikergruppe Monty Python, seine Karriere als eigenständiger Filmemacher. Der Film erhielt u.a. eine Oscar-Nominierung für das Beste Drehbuch und hat heute Kultfilmstatus. Die Einflüsse aus Giliams Zeit mit Monty Python sind im zitatenreichen Brazil unverkennbar, ebenso deutlich sind die Bezüge zu George Orwells Roman 1984, sowie zu den eigenwilligen Romanwelten Franz Kafkas. Nach Terry Gilliams Vorstellung ist die Welt von morgen ein dystopischer und zynischer bürokratischer Staatsapparat. Die zentrale und brennende Frage Brazils ist, ob und wie man einem totalitären und wahnsinnigen System entkommen kann. Die Antwort, die Brazil am Ende parat hält, lässt nur wenig Hoffnung. Bei dieser grotesken Zukunftssatire rauben Witz, Originalität, überbordende Einfälle, Tempo, unerwartete Wendungen, optische Überraschungen, grandiose Kulissen und eine Fülle von Themen dem Publikum den Atem.

 

In Kooperation mit Kulturiniative 08/16

13:00 Uhr

Film (A 2007, 85 Min) : Franz Fuchs - Ein Patriot
Regie: Elisabeth Scharang

Christian Fleck / KUV 2016

 

Die Briefbombenserie, die 1993 ihre ersten Opfer forderte, löste einen Flächenbrand der Verunsicherung und Angst aus. Sozial Engagierte, politisch liberal Denkende und Mitglieder von Minderheitengruppen waren Zielscheibe der ersten zehn zerstörerischen Briefsendungen. Am 1. Oktober 1997 wird der mutmaßliche Briefbomber Franz Fuchs verhaftet und wegen vierfachen Mordes und vielfacher schwerer Körperverletzung angeklagt. Beide Hände einbandagiert, das Gesicht von Explosionsverletzungen gezeichnet und statisch-verhärmt: So sieht man Charaktermime Karl Markovics im fiktionalen Teil dieser Kombination aus Spielfilm und Dokumentation. Die mehrfach preisgekrönte Filmemacherin Elisabeth Scharang rollt den Fall anhand der Vernehmungsprotokolle wieder auf und nähert sich so den vielen offenen Fragen und Thesen an, die nach dem Selbstmord des schuldig gesprochenen Fuchs unbeantwortet blieben. Dabei entsteht ein dichtes Bild über ein dramatisches Stück österreichischer Zeitgeschichte.

 

1969 in Bruck/Mur geboren, lebt und arbeitet Elisabeth Scharang als Drehbuchautorin, Filmemacherin, Dramaturgin und Radiomoderatorin in Wien. Die Autodidaktin ist als Dokumentar- und Spielfilmregisseurin sowie Drehbuchautorin durch alle Genres und Kontinente unterwegs, oft selbst mit der Kamera in der Hand. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a.: Österreichischer Staatspreis für Journalismus (1992), ROMY für die beste Regie von Franz FuchsEin Patriot (2008), Axel-Corti-Preis (2011).

 

Anschließend

Im Gespräch Elisabeth Scharang mit Franz Schuh

 


15:30 Uhr Lutz Ellrich
Dramen des Terrors

Otmar Lahodynsky / KUV 2016

Die Theaterbühne gilt als derjenige Ort, an dem gegensätzliche Standpunkte und Handlungsmöglichkeiten effektvoll in Szene gesetzt und verschiedene Problemlösungen durchgespielt werden können. Zu den attraktivsten Genres gehört das Gerichtsdrama: Ankläger und Verteidiger tragen ihre Argumente vor, und am Ende wird (oft unter Einbeziehung des Publikums) ein Urteil gefällt. Anhand zweier Beispiele (Schirachs Stück über die ‚tragische Wahl' zwischen Opfergruppen sowie des Monologs der Mutter eines jugendlichen Täters) möchte ich Formen des theatralen Umgangs mit Terror beleuchten.

 

Lutz Ellrich, Prof. em. für Medienkulturwissenschaft an der Universität Köln. Studium der Philosophie, Soziologie und Theaterwissenschaft. Forschung Schwerpunkte: gesellschaftstheoretisch orientierte Medienanalyse, Surveillance Studies, Verstehen fremder Kulturen, Organisations- und Konfliktforschung, experimentelles Theater. Aktuelle Projekte: Facetten der Gewalt; Misstrauen in Bürokratien, Netzwerken und Märkte; Recht und Unrecht der Piraterie. Publikationen u. a.: Beobachtung des Computers (1995), Verschriebene Fremdheit (1999), Die Unsichtbarkeit des Politischen (2009), Vorführen und Verführen. Vom antiken Theater zum Internetportal (2011). Facetten der Gewalt (2014).

 

16:00 Uhr Knut Boeser
Politische Gewalt im 20. Jahrhundert

Anton Pelinka / KUV2016

Im vergangenen Jahr sind in Europa 135 Menschen durch islamistischen Terror getötet worden. Das geht aus dem aktuellen Terrorismusbericht der europäischen Polizeibehörde Europol hervor. Die terroristischen Angriffe nehmen zu, die Zahl der Opfer steigt. Aber was ist diese Zahl gegen die folgende? In den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts sind insgesamt etwa 90 Millionen Soldaten und Zivilisten getötet worden. Im Ersten Weltkrieg waren es allein 7.874.330 Zivilisten. Die großen Kriege haben - obwohl immer von Gesamtlagen geschrieben wird, die zu berücksichtigen sind - dennoch immer einzelne Menschen zu verantworten, die man auch zur Verantwortung ziehen sollte. Nun wird man einwenden, dass man diese Zahlen nicht vergleichen kann. Aber ich vergleiche dennoch. Denn man wird schwer sagen können, dass die Trauer einer Mutter, die ihren Sohn, ihren Mann oder ihren Bruder im Ersten oder Zweiten Weltkrieg verloren hat, durch die Vielzahl der Toten weniger wert ist, als die einer Mutter, die den Tod eines Angehörigen durch eine sinnlose Terrorattacke zu beklagen hat. - Auch Willkür und Zufälligkeit sind vergleichbar. Meine Mutter ist im März 1944, als einer der schlimmsten Bombenangriffe auf Berlin stattfand, von ihrer Arbeitsstelle am Oranienplatz bis zu sich nach Hause unbeschadet durch die brennenden Straßen gelaufen, als rundherum an die 50.000 Menschen starben, von denen kein Einziger individuell gemeint war, als der Pilot seine Bomben ausklinkte. Den einen hat es getroffen, den anderen nicht - ebenso zufällig wie bei einem terroristischen Anschlag. - Wir rüsten gegen den Terrorismus auf und nehmen billigend in Kauf, dass unsere Freiheitsrechte dramatisch eingeschränkt werden, nehmen es aber inzwischen schon als normal hin und nennen es sogar rational, wenn Kim Jong-un den USA mit der Einäscherung und totalen Zerstörung droht, und wenn Trump Nordkorea verspricht, es nach einem ersten Atomangriff total vernichten zu wollen. - Einzelne Terroristen, verirrte Psychopathen, kann man wie die Hasen jagen. Was aber macht man mit den Staatsterroristen, deren Opfer in die Millionen gehen werden? Es lohnt sich, heute unter dem Aspekt der Notwehr die jesuitischen Argumente aus dem 16 Jahrhundert über den Tyrannenmord noch einmal nachzulesen.

 

Knut Boeser, Schriftsteller, hat in Berlin und Paris Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie studiert. Zunächst war er Chefdramaturg, dann Intendant am Renaissancetheater Berlin, später Chefdramaturg am Theater in der Josefstadt Wien. Er betätigte sich fünf Jahre als Dozent (für Drehbuch und Stoffenwicklung) an der Internationalen Filmschule Köln. Er war Mitglied des Kuratoriums des Österreichischen Filminstituts, ist geschäftsführender Vorstand im Verband Deutscher Drehbuchautoren und Mitglied der Deutschen Filmakademie. Er gab u. a. Bücher über Max Reinhardt, Erwin Piscator und Oscar Panizza heraus. Er schreibt Essays, Drehbücher, Theaterstücke und Prosa. Sein Roman Nostradamus wurde in elf Sprachen übersetzt. Knut Boeser lebt in Berlin.

 

16:30 Uhr Petra Ramsauer
Terrormiliz IS: Was passiert nach dem Zusammenbruch der Staaten Syrien und Irak?
Karin Kneissl/KUV2016

Petra Ramsauer, 1969 in Vöcklabruck geboren, studierte in Wien Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Nahost, in Paris Journalismus. Nach Stationen beim ORF, bei Kurier und NEWS, wo sie das Auslandsressort leitete, arbeitet sie seit 2009 als Autorin und freie Journalistin, u.a. für profil, Wiener Zeitung, NZZ am Sonntag, Welt am Sonntag, ZEIT online, pro\x1F l , Ö1, Schweizer Rundfunk. Im Vordergrund ihrer Tätigkeit steht seit 20 Jahren Krisen- und Kriegsberichterstattung, vor allem aus dem Nahen Osten. Seit 2011 berichtet sie aus Libyen, Ägypten, dem Irak und schwerpunktmäßig aus Syrien. Zahlreiche Veröffentlichungen zu politischen Themen, u.a. erschienen: Mit Allah an die Macht: So verändern Arabiens Revolutionen unsere Welt (2012), Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk (2014), Die Dschihad-Generation. Wie der apokalyptische Kult des Islamischen Staats Europa bedroht (2015), Siegen heißt, den Tag überleben: Nahaufnahmen aus Syrien (2017). U.a. wurde sie mit dem Concordia Preis für Menschenrechte (2013) ausgezeichnet.

 

17:00 Uhr Klemens Renoldner
Vom Nationalismus zum Fanatismus. Stefan Zweig und der Terror
Karin Kneissl/KUV2016

Stefan Zweig war ein friedfertiger Mann, der sich am Ende des Ersten Weltkrieges im Kreis illustrer Pazifisten bewegte, Sozialisten und Kommunisten zu Freunden hatte, und der ein Verteidiger eines aus dem Geist des Humanismus geborenen Toleranzgedankens war. Trotz aller Diskretion und Zurückhaltung, die ihm eigen war, schrieb er immer wieder entschieden gegen die Bedrohung Europas durch Nationalismus und Fanatismus an. Vom Terror ist in vielen seiner Texte die Rede. Und davon, wie sich ein politisch wachsamer Mensch dagegen wehren soll.

 

Klemens Renoldner, 1953 in Schärding am Inn geboren, war von 1980 bis 1986 Dramaturg am Burgtheater Wien, danach verantwortete er als Chefdramaturg das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen. Weitere Engagements führten ihn an die Münchner Kammerspiele, an das Schauspielhaus Zürich, als Schauspielleiter ans Stadttheater Bern und als Schauspieldirektor und Regisseur ans Theater Freiburg im Breisgau. Von dort folgte 2002 der Wechsel an die Österreichische Botschaft in Berlin, wo Klemens Renoldner bis 2008 als Kurator für Literatur und Wissenschaft tätig war. Seit Oktober 2008 ist er Direktor des Stefan Zweig Centre der Universität Salzburg. Lehraufträge und Vorträge führen ihn seit Jahrzehnten regelmäßig an Universitäten in Europa und den USA.

 

In der Pause Treffpunkt Foyer
   
18:00

Gesprächsrunde mit Lutz Ellrich, Knut Boeser, Petra Ramsauer und Klemens Renoldner

Moderation Peter Huemer

 


Anschließend

Empfang des OÖ Landeshauptmannes Mag. Thomas Stelzer

 


20:00 Uhr Gudrun Harrer
Umbruch und Gewalt im uns sehr Nahen Osten
Karin Kneissl/KUV2016

Gudrun Harrer, 1959 in Schwanenstadt geboren, studierte vorerst Musik, später Arabistik, Turkologie und Islamwissenschaften (Mag.), danach Politikwissenschaften (Dr.). 1993 wurde sie Redakteurin des außenpolitischen Ressorts der Tageszeitung Der Standard, fünf Jahre später Leiterin der Außenpolitik. 2006 wurde Gudrun Harrer als anerkannte Irak-Expertin Sondergesandte des österreichischen EU-Ratsvorsitzes im Irak und Geschäftsträgerin der österreichischen Botschaft Bagdad. Nach ihrem diplomatischen Einsatz wechselte sie zurück in den Journalismus. Seit 2007 ist sie Leitende Redakteurin und konzentriert sich auf ihr Fachgebiet, die arabische und die islamische Welt. Außerdem unterrichtet sie Moderne Geschichte und Politik des Nahen Ostens am Institut für Orientalistik der Universität Wien und an der Diplomatischen Akademie Wien. Veröffentlichungen, u.a.: Kriegs-Gründe. Versuch über den Irakkrieg (2003), Nahöstlicher Irrgarten: Analysen abseits des Mainstreams (2014). Zahlreiche Auszeichnungen, u.a.: Pressepreis des Felix-Ermacora-Menschenrechtspreises (2003), "Journalist des Jahres" in der Kategorie Außenpolitik (2007), Bruno-Kreisky-Preis für das publizistische Gesamtwerk (2014).

 

Anschließend

Im Gespräch Gudrun Harrer und Peter Huemer

 

AK-Kultur