Gmunden, 19.10 bis 22.10.2017

Sonntag, 22. Oktober 2017

10:00 Uhr

Aloisia Moser
Sprachterror

Christian Schacherreiter

Wenn uns die Sprache alleine dadurch, dass wir sprechen in bestimmte Bedeutungen zwingt heißt das nicht, dass wir nicht in und mit ihr Macht ausüben. In meinem Beitrag bespreche ich Roland Barthes' Diktum die Sprache sei Macht und faschistisch. Damit beleuchte ich die Idee, dass in der Sprache eine Form von Terror angelegt ist. In Beispielen aus den 80iger Jahren bis heute versuche ich zu zeigen, dass wir nicht durch die Sprache terrorisieren, sondern dass der Sprache der Terror eingeschrieben ist. Wir finden uns regelmäßig in verschiedenen Positionen als Machtausübende oder als jene auf die Macht ausgeübt wird. (Dass es hier ein Ungleichgewicht zwischen Bevölkerungsgruppen und Geschlechtern gibt ist ein speziell zu behandelnder Punkt). Die Frage wer mit der Machtausübung beginnt und wer sich zur Wehr setzt wird unentscheidbar. Wir brauchen eine neue Definition von Terror, die sich nicht auf die einzelnen Akte beschränkt, sondern die dahinterliegende Struktur der Sprache –der Macht – beleuchtet

 

Aloisia Moser, 1974 in Vöcklabruck geboren. Doktoratsstudium der Philosophie an der New School for Social Research, New York. 2010 bis 2012 Adjunct Professor, Pratt Institute, Brooklyn, NY; 2012 bis 2015 Visiting Scholar, University of California, Berkeley; 2014 Lecturer, University of California, Berkeley. Seit 2016 Assistenzprofessorin am Institut für Geschichte der Philosophie der Katholischen Privatuniversität Linz.

10:30 Uhr

Christian Schacherreiter
"Der Herr sagte: Ich will den Menschen vom Erdboden vertilgen". Mythische Erzählungen reinigender Gewalt in Religion, Literatur und Politik.

Christian Schacherreiter

Kurz nach unserer Erschaffung wäre es fast schon wieder vorbei gewesen mit uns. Gott war nämlich dermaßen erzürnt über die Schlechtigkeit der Menschen, dass es ihm leid tat, dieses Gesindel geschaffen zu haben. Wie man im Buch Genesis (6,1-8) nachlesen kann, sagte Gott: "Ich will den Menschen (…) vom Erdboden vertilgen." Hätte es nicht den guten Noach gegeben, Gott hätte unsere Altvorderen in der Sintflut ersaufen lassen. Die Erzählung von Noach und der Sintflut machte Schule. Die Vorstellung, es gäbe das Böse, das dem Heil im Wege steht, zieht sich in unterschiedlichen Realisierungen durch die Kulturgeschichte. Tödliche Gewalt scheint das einzige Mittel zu sein, die Welt vom Bösen zu reinigen. Politische Ideologien haben diesen Mythos nicht überwunden, sondern säkularisiert.

 

Christian Schacherreiter, 1954 in Linz geboren, Germanist, Autor, Kulturjournalist, Schulbuchautor, Lehrbeauftragter für Literaturwissenschaft an der Pädagogischen HS der Diözese Linz, Literatur- und Musikkritiker für die Oberösterreichischen Nachrichten, als AHS-Direktor seit 2016 im Ruhestand. Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Salzburg. Kabarettistische Tätigkeit zwischen 1977 und 1993 ("Salzburger Stier" 1982). Veranstalter und Referent zahlreicher Fortbildungsveranstaltungen. Langjährige Kooperationen mit dem Landestheater Linz und mit dem StifterHaus Linz. Freier Mitarbeiter der Abteilung Literatur und Hörspiel des ORF Oberösterreich von 1982 bis 1992. Mitglied des Adalbert-Stifter-Instituts Linz. Zahlreiche Publikationen. Journalistische Veröffentlichungen auch in Die Presse, Falter, Wiener Zeitung u.a. Zuletzt erschienene Bücher: Der Wappler. Das österreichische Deutsch in Anekdoten (2006), Diese ernsten Spiele. Eine Kindheit im Innviertel (2011) und Wo die Fahrt zu Ende geht (2015).

 

11:00 Uhr Peter Strasser
Wie viel Gewalt braucht die Religion?

Lutz Erich

Wir Europäer haben, trotz Befriedung in Glaubensbelangen, nicht vergessen, dass es vielfältige Faktoren gibt, welche einen Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt stiften. Wir dachten nur nicht daran, in welchem Umfange dieser Zusammenhang wieder aktuell und im Nahbereich bedrohlich werden könnte. Was beim Thema "Religion und Gewalt" zu fragen bliebe, ist jedenfalls, inwiefern es vorstellbar sei, dass die Idee des Gottes aller Menschen, d.h. das Symbol des religiösen Universalismus und der interreligiösen Toleranz, für die Milliarden Menschen, die unseren Erdball bevölkern, dauerhaft erträglich wäre. Denn mit dem "inklusiven Monotheismus" (Jan Assmann) geht einher, dass sich die jeweilige Lebensform der verschiedenen Konfessionen nicht mehr als exklusiv heilsbringend verstehen lässt. Ebenso wird der gewaltige Einspruch gegen unsere Endlichkeit, die Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben, dann unausweichlich zu jenem blassen Optimismus verdünnt, der Goethe sagen ließ, ihm sei der Tod kein Schrecken, weil dieser dem "Geist" nichts anhaben könne.

 

Der 1950 geborene Philosoph Peter Strasser war bis 2015 Professor für Philosophie, Ethik und Religionstheorie an der Karl Franzens-Universität Graz. Bekannt wurde er durch zahlreiche essayistische Buchpublikationen, für die er 2014 den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik erhielt. Neuere Buchpublikationen : 2016 Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit und Ontologie des Teufels. Über das Radikalgute ; 2017 Idioten des Absoluten. Über das Weltfremde in uns sowie zwei innerlich aufeinander bezogene Publikationen: Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch und Mein Abendland. Versuch über das unerreichbar Nahe.

 

11:30 Uhr

Gesprächsrunde mit Aloisia Moser, Christian Schacherreiter und Peter Strasser

Moderation Peter Huemer

 

 

Anschließend Anschließend Treffpunkt Foyer
 

 

14:00 Uhr

Anton Thuswaldner

Das Pandämonium des Herrn Dostojewski

Klaus Kastberger

Mehrere Jahrzehnte, bevor in Russland jene aufgeheizte Stimmung herrschte, die mit dem Zarentum endgültig Schluss machen sollte, bereiteten Revolutionäre unterschiedlichster Ausprägung bereits eine neue Zukunft vor. Sie kamen aus Europa, bevorzugt von Paris, zurück nach Russland, wo sie beseelt von großen politischen Visionen den Umsturz nicht nur in der Politik anstrebten, sondern gleich alle Werte, die für sie für ein überkommenes System standen, zu eliminieren trachteten. Gewalt gehörte zum selbstverständlichen Gebrauch, um das Ziel, die breite Masse glücklich zu machen, zu erreichen. Im Roman Böse Geister von 1871/72 lässt Fjodor Dostojewski Anarchisten und andere Sozialrevolutionäre gegeneinander antreten. Ein finsteres Buch über das Terrorwesen Mensch.

 

Anton Thuswaldner, 1956 in Lienz geboren, Literaturkritiker. Studium der Germanistik und Geschichte in Salzburg. Lebt als Literaturkritiker ebenda, wo er für in- und ausländische Medien (Salzburger Nachrichten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Die Furche) arbeitet. Von 1993 bis 2012 war er Jurymitglied des "aspekte"-Literaturpreises. 1996 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik ausgezeichnet. Mehrere Buchveröffentlichungen, zuletzt erschienen: Österreichisches Lesebuch (Hg., 2000), Kaprun. Steinstunden (2005), Das jüdische Budapest (mit Péter Nádas, 2010), Salzkammergut schauen. Ein Blick ins Ungewisse (mit Christian Dirninger und Thomas Hellmuth, 2015), Mit dem Barock fängt alles an - Warum Salzburg ist, wie es ist (2016).

 

14:30 Uhr

Lesung

Chris Pichler

Ausgewählte Texte aus "Böse Geister" von Fjodor M. Dostojewski

Christoph Leitgeb

Chris Pichler lebt in Wien und Berlin, spielt an den renommierten deutschsprachigen Bühnen in Berlin, Wien, Frankfurt, Köln, Weimar. Die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete österreichische Schauspielerin verfügt über ein großes Charakterrollenrepertoire, dessen Bandbreite von der Klassik bis zur Moderne reicht. Die Zuseher kennen sie aus verschiedenen Kino- und Fernsehproduktionen (TV: Salzbaron, Kommissar Rex u.v.a.), die Zuhörer aus zahlreichen preisgekrönten Hörbüchern und Hörspielen. Von Kritik und Publikum gefeiert sind ihre ausdrucksstarken Soloprogramme, in deren Mittelpunkt Frauen der Zeitgeschichte stehen: Marie Antoinette, Jackie Kennedy, Molly Bloom, Marilyn Monroe; allen voran Romy Schneider, ein Soloabend, mit dem sie europaweit gefeiert wurde. Preise: Prix Italia, Prix Europa, Prix Suisse 2009, Carl Skraup Preis, Theaterpreis der Europäischen Kulturhauptstadt 09, Deutscher Kritikerpreis 2009, Schauspielerin des Jahres ORF 2009, Nominierung Theatertreffen NRW 2010, HR2 - Bestenliste.

15:00 Uhr

Robert Pfaller

Die Freiheit und der Schrecken

Anton Thuswaldner

Robert Pfaller, 1962 geboren, studierte Philosophie in Wien und Berlin und war nach Gastprofessuren in Chicago, Berlin, Zürich und Straßburg Professor für Kulturwissenschaft und Kulturtheorie an der Kunstuniversität Linz. Seit 2009 ist er Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a.: Die Illusionen der anderen (2002), Schluss mit der Komödie! (2005), Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft (2008), Ästhetik der Interpassivität (2008), Wofür es sich zu leben lohnt (2011) und Zweite Welten und andere Lebenselixiere (2012).

In der Pause Treffpunkt Foyer
   
16:00 Uhr Autorenlesung
Wilfried Steiner
Der Trost der Rache
Stefan Slupetzky

Wilfried Steiners neuer, preisgekrönter Roman Der Trost der Rache besticht durch kluge Komposition und vitale Figurenzeichnung. Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Militärdiktatur in Chile unter Pinochet erzählt der Autor mit beklemmender Dramaturgie die fesselnde Geschichte einer Vergeltung: atmosphärisch dicht, packend, bildgewaltig und voller Sogkraft.

 

Wilfried Steiner, 1960 in Linz geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Amerikanistik. Seit 1977 publiziert er in verschiedenen Literaturzeitschriften und veröffentlichte mehrere Romane, u. a. Der Weg nach Xanadu (2003) und Bacons Finsternis (2010). Im Linzer Posthof ist er seit 1999 künstlerischer Leiter der Bereiche Tanz, Theater, Kleinkunst und Literatur. Für sein literarisches Werk erhielt Wilfried Steiner zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt 2016 den Floriana-Literaturpreis für einen Auszug aus seinem Roman Der Trost der Rache, der 2017 bei Haymon erschien.

16:30 Uhr

im Gespräch Wilfried Steiner und Peter Huemer

   
17:30 Uhr Ilja Steffelbauer
Vom Schrecken und der Ohnmacht: Terror als Strategie und Waffe
Stefan Slupetzky

Besser, als einen Kampf auszutragen, das lehrt schon die spieltheoretische Herangehensweise in der Verhaltensforschung, ist es, gar nicht kämpfen zu müssen und trotzdem siegreich zu sein. Gibt der Gegner auf, bevor es zum Kampf kommt, erspart sich der Sieger das Risiko, verwundet zu werden. Terror, Angst und Schrecken zu verbreiten, um den Feind zur Aufgabe zu zwingen, sind daher bewährte Strategien, vor allem, wenn man sich des Ausgangs einer Konfrontation nicht so sicher sein kann. Sie begegnen uns in verschiedener Form seit den Anfängen der Kriegsführung. Der Terrorismus der Neuzeit ist aber ein Novum, das seine Kraft aus dem Befriedungs- und Sicherheitsversprechen des modernen Staates bezieht und durch Mediengesellschaft und Massendemokratie noch zusätzlich potenziert wurde. Der nüchterne Blick entlarvt den Terroristen als deklassierten Gegner, dessen Angriffe de facto geduldet werden, weil sie keine wirkliche Gefahr darstellen und der von ihnen verursachte Schaden so gering ist, dass er in keinem Verhältnis zu den Maßnahmen und PR-Risiken steht, die notwendig wären, um ihn effektiv zu unterdrücken. Terroranschläge sind ein Teil des Preises für eine pluralistische, globalisierte, offene Gesellschaft; und im Vergleich zu Drogen- und Menschenhandel, Zwangsarbeit und Raubbau an der Umwelt oder ähnlichen Übeln, die wir ebenfalls bereit sind hinzunehmen, vergleichsweise harmlos.

 

Ilja Steffelbauer studierte Geschichte und Alte Geschichte in Wien und Athen. Seit 2003 Lektor an der Universität Wien. Publiziert und arbeitet zu den Themenfeldern Krieg, Militär und soziale Evolution im Kontext der Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie der politischen Anthropologie. Seit 2015 administrativer Mitarbeiter am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und freier Historiker. Zuletzt von ihm erschienen: Der Krieg. Von Troja bis zur Drohne. Eine Kulturgeschichte des Krieges in 12 Stationen hautnah erzählt (2017).

 

18:00 Uhr

Gesprächsrunde mit Anton Thuswaldner, Robert Pfaller, Wilfried Steiner und Ilja Steffelbauer

Moderation Peter Huemer

 

 

Anschließend Anschließend Treffpunkt Foyer
 

AK-Kultur