Traunkirchen, 25.10 bis 28.10.2018

RESPEKT. Wie Menschen miteinander umgehen

 

ZUM THEMA

Die Formen des Umgangs in einer Gesellschaft sind keine bloßen Äußerlichkeiten, die man nach Belieben auswechseln könnte. Aus Umgangsformen spricht sowohl der Zeitgeist als auch die Idee, die eine Gesellschaft von sich hat.

Ein einfaches Beispiel dafür gaben die sogenannten Achtundsechziger, die umstrittenen Vertreter der Jugendbewegung von 1968: Sie führten die Sitte ein, auch Fremde zu duzen. "Siezen" war für sie eine übertriebene und geheuchelte Ehrbezeugung, an deren Stelle die Solidarität im Zeichen der Gleichheit zu treten hätte, also das allgemeine Du!

Dieses "Du für alle" war keineswegs allen recht. Viele Menschen bestehen darauf, gesiezt zu werden, weil sie Distanz halten wollen. Man kann in dem Zusammenhang daran erinnern, dass die Lebensgefährten Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre, das Philosophenpaar, einander niemals duzten. So zeigt sich, was Umgangsformen leisten: Sie regulieren das Verhältnis von Distanz und Nähe der einzelnen Menschen in einer Gesellschaft.

Die Extreme, die von diesen Regeln bedingt sind, sind auf der einen Seite ein rigoroses Hofzeremoniell (wie das Spanische Hofzeremoniell), also eine rigide geregelte Umgangsform, die keinerlei persönlichen oder gar spontanen Ausdruck erlaubt. Auf der anderen Seite gibt es im Extrem die totale Formlosigkeit des Benehmens, die Auflösung jeglicher verbindlicher Regeln. Jeder Mensch verhält sich dann, wie es ihm gefällt.

Derzeit hört man wieder einmal verstärkt die Klage, dass die Sitten verfallen. Man kann Anzeichen dafür ins Treffen führen, Kundgebungen von Hass, nicht zuletzt im Internet, die man sich vor zwanzig Jahren nicht hätte vorstellen können. Es sind von Vernichtungsphantasien getragene wechselseitige Geringschätzungserklärungen. Dabei ist es der Respekt, gerade in politischen Dingen, an dem es die Leute spürbar fehlen lassen. 

Respekt hat – wie es bei den meisten Begriffen zutrifft, die einen sozialen Sinn beanspruchen  – eine ambivalente Bedeutung. Einerseits ist Respekt doch das, was die Obrigkeit gerne fordert, vor allem in den Fällen, in denen sie ungestört und unkritisiert und wie gehabt weitermachen will. Die englische Redewendung "to command respect", Respekt verlangen, enthält diesen Befehlston nicht mehr bloß unterschwellig.

Unter Respekt kann man aber auch - andererseits - das Gegenteil davon verstehen, eben kein Oben und Unten, sondern eine (angestrebte) Gleichrangigkeit, in der Menschen einander begegnen (wollen): Zum Beispiel eine schonende Distanz als Vorstufe zur angestrebten Nähe.

Man könnte statt Gleichrangigkeit, statt Oben und Unten, diese Art von Respekt überhaupt jenseits der Hierarchien von Religion, Nation und sozialer Stellung einordnen: In dieser Hinsicht wäre Respekt eine Utopie, in der Menschen einander ohne Distinktionsmerkmale begegnen, also ohne den berechnenden Einsatz der Unterschiede,  die zwischen ihnen bestehen. Aber wie immer erbaulich eine solche Utopie sein mag, es sind die Unterschiede, die ein großes Feld der Kreativität, auch in den Umgangsformen, eröffnen.
(Franz Schuh)